Frauen, die nach innen schauen

 

Die Frauen der Lebensreformbewegung sind heute fast vollständig vergessen. Zum Beispiel Elsa Gindler: Sie und ein kleiner Kreis an „Atemfrauen“ befreiten im Berlin der 1920er-Jahre sich und ihre Schülerinnen vom Korsett. Sie arbeiteten in ihren Gruppen, wo sie nach innen schauten, ihren Leib und seine Bewegungen neu erlebten und sich darüber austauschten. Das war ihnen wichtiger als jede Außenwirkung - die beanspruchten dann zum Beispiel die Schulen der Körpertherapie, deren Gründerväter so viel von den Atemfrauen gelernt haben.

 

Heute ist das Erbe der Lebensreformbewegung für viele stark schambesetzt, weil die Nationalsozialisten es zum Teil übernommen und damit für uns verdächtig gemacht haben. Vielleicht suchen wir deshalb vor allem in anderen Kulturen nach einer lebendigen, ungebrochenen Tradition von Körperwissen und Leiblichkeit. Dabei gehen wir über manches hinweg: So sehen wir Yoga gerne als eine seit der Zeit der indischen Rishis ununterbrochene Tradition uralten Wissens. Doch ist die heutige Praxis auch vom indischen Nationalismus und den europäischen Turn- und Lebensreformbewegungen stark beeinflusst. Die meisten exotischen Methoden verkaufen sich gut, wenn sie nur „Heilung“ versprechen, während europäische Verfahren wie die Kneipp’schen Wasseranwendungen oder eben die Atem- und Leibarbeit altbacken und unmodern wirken.

 

Vielleicht ist deshalb auch unser Verhältnis zum Körper so ambivalent: Im Sport steht seine Leistung im Zentrum, im Wellnessbereich seine Schönheit und sein Wohlbefinden. Wir glauben uns durch die sexuelle Revolution von allen Tabus befreit. Auch die Machtfrage der unerwünschten Berührung wird endlich von der Me-too-Bewegung thematisiert, seit neuestem sogar in der Yogaszene.

 

Unterbelichtet bleibt dagegen die schlichte, freundliche und wohltuende Art, mit dem Körper umzugehen: Das traditionelle „Handauflegen“ wird eher belächelt, außer im Hospiz. Ärzte erheben nur noch selten Tastbefunde, Physiotherapeuten sind drastisch unterbezahlt, ebenso Pfleger, Masseure und andere Berührungsberufe. Psychotherapeuten berühren gar nicht mehr, aus Angst vor dem Machtmissbrauch, der aus einer ungleichen Beziehung so leicht entstehen kann. Sogar im Privaten ist Berührungslosigkeit mittlerweile fast epidemisch: Wir wischen viel häufiger über unser Smartphone, als wir unseren Lieben über den Rücken streichen.

 

Auch das Nach-Innen-Schauen der Atemfrauen gedeiht nur noch in Nischen, widersteht es doch jedem Leistungsmaßstab. Man kann man einfach nicht konkurrieren, wenn man nur die Hand heben und diese Bewegung von innen spüren soll. Dagegen hat wohl jeder Yogaschüler schon mal zum Nachbarn geschielt und sich gefreut, wenn der früher aufgibt.

 

Leistung ist wunderbar und ein großer Genuss, gerade auch für den Körper, der sich nur durch stete Herausforderungen entwickelt und gesund bleibt. Darüber hinaus braucht es jedoch auch Zeiten reinen Spürens, um wieder zu sich zu kommen und sich neu zu orientieren. Das besondere an der Atemarbeit in der Tradition der europäischen Leibarbeit ist, das sie keinerlei Ansatzpunkte enthält, die zur Leistung verführen. So befreit sie uns dazu, nach innen zu schauen.

 

 

Zum Weiterlesen*

 

Karoline von Steinaecker: Luftsprünge – Anfänge moderner Körpertherapien. Urban & Fischer, München 2000

 

Christoph Ribbat: Die Atemlehrerin - Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm. Suhrkamp 2020

 

Mark Singleton: Yoga Body - The Origins of Modern Posture Praxis. Oxford University Press 2010. Eine Zusammenfassung bietet Reto Zbinden: Die Geschichte des modernen Körperyogas. Yoga Journal Verlag

 

Ulrich Geuter: Körperpsychotherapie – Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis. Springer 2015. Aus diesem Buch stammt die wunderbare Formulierung „Frauen, die nach innen schauen“, die Geuter in Bezug auf die Gindler-Schülerinnen verwendet.

 

 

* unbezahlte Empfehlung, weil selbstentdeckt, selbstgekauft, selbstgelesen, selbstbegeistert