Worum geht es? Gesundheit, Heilung und Heil

 

Rund um Fragen der Gesundheit wird häufig das Wort „Heilung“ verwendet. Gemeint ist die physikalisch-chemisch nachweisbare Variante: nämlich gesund werden. Die alternative Szene, die Körper-Seele-Geist ganzheitlich behandeln will, spricht dagegen kaum von „Heilung“. Zu groß ist die Gefahr, ein unzulässiges „Heilsversprechen“ abzugeben.

 

In meinen Augen ist das eine eigenartig materialistische Wendung: Wenn etwas heilsam ist, muss es sich auch auf die medizinischen Parameter auswirken. Als ob ein innerliches Geschehen nur dann relevant wäre, wenn es sich auch materiell zeigt. Dabei haben wir nicht umsonst seit Jahrhunderten zwei Begriffe dafür: Es ging der Kirche immer um das Seelenheil, nie um die Gesundheit ihrer Gläubigen (was sie ja zu einer Art internationaler Krankenkasse gemacht hätte).

 

Worum also geht es? Nach einer gelungenen Atempraxis finden wir uns manchmal in einem fast schon ozeanischen Gefühl von „heil sein“ wieder. Viele sind davon überrascht. Denn ohne dieses Gefühl ist es nur eine halbe Freude, gesund zu sein, so fundamental ist seine Qualität. Sogar wenn man sich schlecht fühlt, kann man daneben oder dahinter doch die Lebendigkeit finden. Und auch Menschen, die nicht gesund sind, können sich als heil erleben. Die Dimension des Heils ist offenbar nicht körperlich.

 

Natürlich wünschen wir uns, dass Beschwerden weniger werden oder am besten verschwinden. Und es ist auch gut, daran zu arbeiten, mit allem, was unsere moderne Welt zu bieten hat. Aber manche Krankheiten gehen eben nicht weg. Die Betroffenen wissen das meist sehr gut und suchen dennoch oder gerade deshalb nach dem, was "heil" in ihnen ist. Dann mag es zwar immer noch schlimm sein, aber nicht mehr nur niederdrückend, so dass man schneller aus einem Tief herausfindet. Und dann sind da diese Glücksmomente, in denen das Leben irgendwie in Ordnung ist, trotzdem. Eine Klientin sagte es einmal so: „Natürlich zaubert der Atem den Schmerz nicht weg, ich brauche auch weiterhin die Physiotherapie. Aber da gibt es immer häufiger diese Zeiten, in denen der Schmerz nicht mehr ganz so wichtig ist – und da finde ich wieder zu mir."

 

Durch die Atempraxis - oder auf einem anderen "heilsamen" Weg - erleben wir also ganz unmittelbar das, wovon die Religionen schon lange sprechen: In uns gibt es etwas, das heil ist und uns trägt. Auch wenn es schlimm kommt, können wir den Zugang finden. Gesund sein und heil sein sind nicht dasselbe, auch wenn sich die Begriffsfelder sehr vermischt haben. Es hilft, das zu wissen, auch als Wegzehrung für schlechte Zeiten.