Wie ich wurde, was ich bin: Mein Weg zur Atemtherapeutin

 

Mein Weg zur Atemtherapeutin ist gleichzeitig mein Weg zur Lebendigkeit. Nie fühle ich mich so lebendig, wie wenn ich mit dem Atem arbeite. Und umgekehrt: Wenn ich lebendig werde, schwingt mein Atem frei. Ich will das Leben ausschöpfen –  tun, was mich lebendig macht. Das ist zugleich die Essenz meiner Atempraxis.

 

Hier beschreibe ich einige Stationen auf dem Weg dahin. Sie stellen keinen klassischen Lebenslauf dar, scheinen mir in diesem Zusammenhang aber wichtig:

 

1987 – Lange vor der großen Welle verfalle ich dem Yoga. Eigentlich hätte ich schon zehn Jahre früher anfangen wollen, aber damals gab es kaum Unterricht, schon gar nicht für Kinder. Dann machte zum Glück eine Kollegin meiner Mutter die Yogalehrer-Ausbildung. Also rückten wir in einem schmucklosen Konferenzraum Tische und Stühle zur Seite und übten auf dem kratzigen Nadelflurteppich. Fünf Mark für anderthalb Stunden.

 

Ca. 1997 – Im Pranayama spüre ich die Essenz des Yoga. Nach etwa zehn Jahren Asana-Praxis war mein Körper offenbar für den nächsten Schritt bereit. Allerdings fand ich lange keinen Lehrer, dem ich mich hätte anvertrauen wollen. Ich ahnte etwas von der Tiefe der Atempraxis, die die westlichen Lehrer in mir aber nicht wecken konnten.

 

Ca. 2003 – Der Traum vom Affen. Ein junger Schimpanse turnt unter einer hohen Stuckdecke an dicken Seilen herum. Dieses kurze Traumbild führte zur größten Entdeckung meiner Psychoanalyse: Es zeigte mir meinen Humor, wie zugewandt und leicht er ist. Wenn ich heute davon erzähle, wundern sich die Leute, warum ich für diese Erkenntnis vier Jahre auf die Couch musste, so offensichtlich scheint das inzwischen. Das nennt man dann wohl eine gelungene Integration des Schattens…

 

Ca. 2009 – Beim Singen erlebe ich die Kraft meines Atems. Im Gesangsunterricht gab es immer wieder diese intensiven Phasen, in denen ich mich dem Strom anvertraute und sang, wild und frei. Und dann war meine Stimme wieder fistelig und verdruckst. Die Stimme macht das Innere hörbar, beim Singen kann man sich nicht verstecken. Als Ausatmerin wollte ich mich in die Welt verströmen und meinen Beitrag leisten. So entdeckte ich meine Liebe zur Intensität wieder.

 

2012 – Mein Körper legt mich still. Buchstäblich: Nach einer langen Hochleistungsphase war ich fünf Monate krankgeschrieben. In dieser Zeit dämmerte mir, dass ich die Intensität zwar liebe, auch in der Arbeit. Aber diese Karriere war nicht die meine, sie machte mich innerlich nicht satt. Ich wollte diese Leiter nicht weiter hochklettern, weil es die falsche Mauer für mich war. Das tat natürlich weh. Und doch war es das Beste, was mir passieren konnte: Diese Krise brachte mich dazu, neu nach meinem Weg zu suchen. Ohne die Hilfe meines Körpers hätte ich mir das wohl nicht zugestanden.

 

2012 – Zur selben Zeit: Ein erster Blick auf den Weg hinter der Kurve. Jahrelang war Yoga ein selbstverständlicher Teil meines Lebens gewesen, ohne dass ich es als den Bewusstseins-Weg gesehen hätte, der es ja eigentlich ist. Trotzdem war ich immer auf der Suche nach der Essenz. Als ich auf die Pranayama-Ausbildung stieß, war ich daher wie elektrisiert. Es fing unmittelbar vor meiner Erkrankung mit einem Schnupperwochenende an. Rückblickend sieht es fast so aus, als hätte ein Teil von mir längst gewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Was mich am meisten überrascht: Dieser Teil hatte sogar schon den nächsten Schritt vorbereitet, bevor ich sich die Krise zeigte.

 

2013 – Die Pranayama-Ausbildung. Vier Jahre atmen und schweigen, Upanishaden und Veden. Ich liebte dieses alte Übungssystem. Ich tauchte intensiv ein und praktizierte daheim teilweise fünf Stunden täglich. Aber nach und nach spürte ich, dass das für mich doch noch nicht alles war: Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon über 26 Jahre auf dem Yoga-Weg war, blieb er mir in der Tiefe fremd. Heute weiß ich: Ich genieße den lebendigen Austausch mit anderen Kulturen, aber ich werde dort nie zuhause sein. Hier in Europa sind meine Wurzeln, hier gehöre ich hin – auch wenn manche Teile unserer Geschichte wirklich zum Davonlaufen sind. Allmählich gestand ich mir also ein, dass ich weiter suchen musste.

 

2013 – Zur selben Zeit: Meine Lehrzeit in Selbstfürsorge beginnt. Nach den Pranayama-Retreats – also drei- bis viermal im Jahr – besuchte ich eine Freundin in Schöneberg, die seit ihrer Jugend mit einer schweren chronische Erkrankung lebt. Sie geht zwar viel langsamer als ich mit meinem Stechschritt – aber sie ist mir weit voraus, denn sie kann das mit der Selbstfürsorge. Ganz selbstverständlich, jeden Tag. Das schaute ich mir von ihr ab, zuerst unwillkürlich und später bewusst nahm ich es in meinen Alltag mit. Es hielt immer eine ganze Weile, aber nach und nach verlor ich es wieder. Dann fuhr ich wieder nach Berlin...

 

2014 – Ich lerne Atemtherapie. Als ich auf die Atemtherapie stieß, war sofort klar: Das ist der nächste Schritt – und zwei Wochen später begann auch schon die Ausbildung. Was soll ich sagen? Die Körperübungen waren so viel langsamer als alles, was ich bis dahin kannte. Was für ein Genuss: Endlich hatte ich genug Zeit, um die Bewegungen Faser für Faser zu spüren, immer wieder neu. Diese Art der Atemarbeit war für mich wie ein Heimkommen, weil sie mich endlich Wurzeln schlagen ließ – in meiner ureigenen Tiefe, die ja aus der europäischen Kultur gewachsen ist. Die große Entdeckung aus dieser Zeit: Der Genuss der Feinfühligkeit. Und meine Hände, die so gerne nach dem Wesen des anderen fragen.

 

2019 – Ich muss meine Atempraxis einfach gründen. Es geht nicht anders. Ich hätte am liebsten gekniffen, denn das war definitiv jenseits meiner Komfortzone. Ich weiß nicht wie, aber ich kam in die Puschen: Ich meldete mich bei der Gewerbeaufsicht und bei der IHK an, schloss Versicherungen ab, mietete Räume, erstellte eine Internetseite. Ich behandelte die ersten Klientinnen und nach und nach kamen weitere dazu. Überrascht stellte ich fest: Auch wenn mir jeder einzelne Schritt ins Neuland erneut Angst macht – ich muss es nicht alleine schaffen, der Weg kommt mir entgegen.

 

2020 – Die Pandemie legt mich still. Auch das war wieder eine wirklich schwere Zeit für mich und wieder kam gleichzeitig eine große Entdeckung: Ich fand meine Kreativität wieder. Eine Dramaturgin hatte mich mal als einen der kreativsten Menschen bezeichnet, die sie kennt. Das habe ich ihr natürlich nicht geglaubt. Aber nun konnte ich es nicht mehr leugnen: Als ich auf einmal so viel Zeit hatte, malte, nähte und schrieb ich, startete meinen Blog und erstellte meinen Online-Adventskalender.

 

2022 – So etwas wie ein Zwischen-Fazit. Heute gehören mein Humor, meine Intensität, meine Feinfühligkeit und meine Kreativität wieder zu mir. Sie sind wie der Atem: Sie wollen frei fließen. Sie brauchen Raum und drängen auf Entfaltung. Ihre Kraft ist subtil, nicht offensichtlich, sie bleibt daher nicht vordergründig, sondern durchdringt alles. Dem kann ich mich und meine Pläne leichten Herzens unterordnen.

 

Und so verwebt sich meine persönliche Erfahrung mit meiner Atempraxis: Letztlich geht es darum, mich dem Leben hinzugeben. Immer wieder neu, denn auf diesem Weg warten natürlich weitere Schlüsselstellen – im Moment werkle ich zum Beispiel an der Kraft meiner Wut herum. Aber auch wenn es selten einfach ist: Mich reizen die Erkenntnisse, die ich gerade in den schwierigen Phasen gewinne – einige davon habe ich hier ja schon genannt, weitere werden folgen.

 

Auch meine Klientinnen sagen es immer wieder: Wer diese Lebendigkeit einmal erlebt hat, will sie wieder spüren, denn sie fühlt sich einfach zu gut an. Für mich ist es wirklich ein Geschenk, meine Menschen dabei ein Stück weit begleiten zu dürfen. 

 

Ich danke Euch!

 

Mehr lesen: Warum ich die Atempraxis liebe

Mehr lesen: Lebendige Atempraxis - Mach Deinem Atem den Hof

Kommentar schreiben

Kommentare: 0